„Da ist kein Salz“

Alte Menschen sind auch so ein Phänomen. Brauchen pro Tag gerade mal 3,2 Stunden Schlaf und schaffen es trotzdem IMMER zu diversen Rush-Houren™ zu blockieren. Die stehen tatsächlich den ganzen Tag an ihren Fenstern und warten nur darauf, dass sie mich sehen um sich dann an der Kasse direkt vor mir zu stellen – nur um dann mit den letzten Reichsmark das letzte Melkfett zu berappen. Fragt mich nicht, wie die das schaffen, son Rollator kann doch angeblich nur 4 km/h. Die ollen Tuner, doh!

Am Montag stand ich beim Schanzenbäcker an der Kasse und ich behaupte, dass ich einer der besten Kunden bin, die sich ein Kapitalist vorstellen kann. Klare Anweisung („Ich will das da zum mitnehmen“), das Geld bereits in der Hand, keine Extrawürste und manches Mal sogar ein falsches Lächeln auf den Lippen. Wie gesagt, ich am Montag also beim Schanzenbäcker, vor mir ein alte Fregatte, Baujahr schätzungsweise um die französische Revolution, von der Takelage schon lange nichts mehr zu sehen.

„Ich hätte gern den Sesam-Möhren-Salat mit Joghurtdressing“ – sie rollte das R länger als so mancher deutscherrrrrrrrr Panzerrrrrrrrr.
„Aber lassen Sie bitte die Tomaten weg, Gurken auch nicht, statt der Möhren bitte Mais und nur ein paar Tropfen Dressing.“ Na wenn es sonst nichts ist, wenigstens ist der Sesam nicht als Kollateralschaden in die Salatgeschichte eingegangen.
„Wie lange dauert das denn?“ – auch so eine Frage, die nur die Ü80-Fraktion stellen kann, aber was willste auch machen, wenn dir die Erde bereits in der Tasche steckt und die Sense hin und wieder fies im Nacken kratzt.

Sie bekam ihr Hasenfutter (Sesam, alter!) keine 4 Sekunden später und ich wurde Zeuge, dass es doch eine höhere Geschwindigkeit als Lichtgeschwindigkeit gibt. Tja, Einstein, wärste mal zum Schanzenbäcker gegangen. Aber das sollte es noch nicht sein.

Nun war ich endlich dran, den Finger schon ausgefahren, den 10€-Schein bereits zwischen den Zähnen: „Ich nehm dann de …“

„WO FIND ICH SALZ?“ – typisches Vordrängeldazwischengrätschenkeifen, man hat ja keine Zeit. Ich natürlich schon, hab ja noch nicht mal Falten hinter den Ohren.

„Da drüben an der Servicestation“. Servicestation. Beim Bäcker. Why not? War letztens bei Gravis und wollte lediglich etwas abholen – musste dazu doch tatsächlich den Rechner neben der Service-Stelle bedienen, damit der Mensch, der bereits auf mich wartete (und wie gesagt, keine 3 Meter wegstand), genau weiß, was ich denn eigentlich will. Früher als man W-Lan-Kabel noch nicht aufwickeln musste, hat man einfach miteinander gesprochen, heute muss man erst Anlage 57 ausfüllen.

„Da ist kein Salz!!!“ Sie wurde langsam panisch ob der Gefahr des Hungertods, da spielt es scheinbar auch keine Rolle, wenn man sich vor einen Promi wie mir vordrängelt. Aber bei Roland Kaiser, da wird der Schlüppi feucht, is klar.
„Doch da, in den kleinen Tütchen, das ist Salz“.
„Nein, da ist kein Salz“
„Genau vor ihnen“
„DA IST KEIN SALZ!“ Beratungsresistent, auch so ein Erfolgsrezept, mit dem wir den Krieg gewonnen haben.

Wortlos kam die Bedienung dann von ihrem Elfenbeinturmbedienungstresen und legte ihr 5 Tütchen Salz auf das Tablett mit einem Blick – kennt ihr Cyclops von X-Men? War genauso, nur ohne Brille.

Leider weiß ich nicht, ob die Patriarchin nocht etwas entgegnen konnte, musste mühevoll den Kreislauf über Normalnull halten, denn in der Zwischenzeit hat der Hungertod auch meine Schulter gestreichelt – ich „durfte“ ja noch nicht bestellen.

Und für sowas verdien ich die Rente. Weißte Bescheid!

Über Martin

Martin
Technikbegeistert und immer auf der Suche nach spannenden, beeindruckenden und/oder lustigen Themen schreibt Martin neben seinem Hauptberuf täglich mehrere Artikel für wihel.de. Oder wie er es beschreibt: Andere teilen ihre Internetperlen lediglich mit ihren Freunden, wir teilen Sie mit allen, die es interessiert. Alle Beiträge von Martin ansehen.

Sag was dazu!

Ping- und Trackbacks

Kürzlich