Das Märchen von der HMI

Mein Mitazubi wurde vor einigen Tagen via studiVZ von einer relativ attraktiven Dame angeschrieben und offerierte eine Nebentätigkeit im Versicherungsbereich. Wer ein wenig mit mir gesprochen hat, weiß, dass ich auf Nebenjob-Suche bin und so kam es, dass wir einen Termin ausmachten, um ein informatives Gespräch zu führen. Nachfragen nach der genauen Tätigkeit wurden bis dahin nur vage beantwortet, aber wir hatten bereits klar gemacht, dass Verkauf und Kaltakquise nicht drin seien.

So kam es, dass wir am Freitag um 18 Uhr den Termin wahrnahmen. Vorher noch fix ein Feierabend-Bier gezischt, schließlich ging es ja um nichts. Also dann, rein ins Café. Die nette Dame saß bereits an einem Tisch, allerdings mit einem Herrn zusammen. Wir also gewartet, da wir dachten, das wäre noch ein vorheriger Bewerber. Schien aber nicht so, also doch zum Tisch.

Kurzes Vorstellen. Der Mann hieß Martin Wiehl, was natürlich direkt für den ersten Scherz genommen wurde, da wir denselben Vornamen haben. Toll. Mein Kollege hat recht viel geredet, was mir ganz recht war, so konnte ich mich auf das wesentliche konzentrieren: zum richtigen Zeitpunkt nicken, lächeln und JA sagen.

Nach einer halben Stunde wurde es dann endlich konkret, nachdem uns erzählt wurde, dass die Hamburg Mannheimer die beste Versicherung auf diesem gottverdammten Planeten ist und jetzt mal eben so 50 Mio. Euro zur Verfügung gestellt hat, um in Hamburg endlich ein neues Büro aufmachen zu können. Ein kleiner Teil vom Kuchen, da der Umsatz bei gefühlten 32.121.543.532.313.547.845.123.565 Euro liegen soll. Und daher würden Martin und seine nette Kollegin alle einladen, die irgendwie sympathisch sind.

Natürlich kann man jetzt sagen: Hey, Leute über die sozialen Netzwerke anschreiben, dass ist doch mal was. Dafür ist die Scheiße gemacht, weg vom konservativen Arbeitsamt-Recyceln.

Könnte man. Aber dann tauchen Sätze auf wie: „ich nehme Jeden“, „Mir ist egal, was die vorher gemacht haben“, „Es gibt Anforderungen, aber letztendlich hab ich das letzte Wort“. Man nimmt jeden? Wo sind denn da die Auswahlkriterien?

Nun gut, es wurde gefachsimpelt, gelacht und letztendlich sind nur folgende Sätze hängen geblieben:

„Wir machen schon viel Party“
„Wir trinken dann mal 1, 2 Kurze. Ok, können auch 30, 31 werden“
„Ist schon geil so zu arbeiten“
„Wir arbeiten nicht mit eigenem Geld. Das ist das Geld anderer Leute“
„Dann kann man sich auch recht flott den Porsche leisten“
„Wir kaufen uns eigene Taxis“
(Ja, er hat Taxis gesagt, nicht Taxen)

Aber worum ging es genau? Natürlich, um Versicherungen verkaufen. Also kein Wunder, dass Nachfragen vor dem Termin vage geblieben sind, da wir verkauf von vornherein ausgeschlossen hatten.

Herr Wiehl hat behauptet, dass er vorher Kfz-Mechaniker war, aber einfach was aus seinem Leben machen wollte. Die Chance beim Schopfe packen, Geld verdienen und nicht nur davon reden. Mit 45 nicht mehr Arbeiten müssen. Man kennt diese Floskeln alle.

Das Ende vom Lied war dann, dass man an einem Grundseminar teilnehmen musste, schön im 4-Sterne-Hotel übers Wochenende, nachmittags bisschen zu hören und am Abend natürlich wieder Party Party Party. N Kollege vom Wiehl hat sogar einen amerikanischen Schulbus besorgt, mit dem durch die Gegend geheizt wird. Wie toll das doch ist. Kostenpunkt: 139 Euro pro Person. Merkwürdig, dass der Teilnehmer zahlen soll, die schwimmen doch so riegoros im Geld ..

Soviel zu den Rahmendaten. Da man ja mittlerweile ein wenig 2.0-mäßig unterwegs ist, wurde dann zu Hause mal ins Internet geschaut und die Jungs von Goggle losgeschickt. Da wäre zum einen:

Martin Wiehl bei Xing: Klick

Von 1995-1999 war der Gute bei der Bundeswehr, danach Marktleiter von Rewe und dann bei der HMI, den Spaß machen, den er jetzt macht. War da nicht mal was mit Kfz-Werkstatt? Vermutlich war das dann auch bei Rewe, eine kleine Zusatzleistung. Sehr nett, die Jungs von Rewe.
Dass seine einzigen Auszeichnungen die Schützenschnur in Gold und das Leistungsabzeichen sind, spricht auch nicht gerade für die steile Karriere, die er beim Gespräch suggeriert hat.

Dann wäre da noch das Karriere-Bildchen von der HMI.

Ok, sieht wohl so aus, als ob sich Martin radikal hochgearbeitet hat. Direkt nach dem Grundseminar als Vermittler eingestiegen und … naja, halt immer noch Vermittler. Aber er verkauft lieber, da hat er richtig Bock drauf, das macht tierisch Spaß.

Ich erinnere an dieser Stelle noch mal an Xing: Leitender Repräsentant (Freiberufler, Manager (mit und ohne Personalverantwortung)). Leider steht nicht da, seit wann er bei der HMI ist, aber da Rewe auf 2003 begrenzt ist, vermute ich, dass er direkt danach dort eingestiegen ist. 6 Jahre also Vermittler. Ein Traum scheint wahr geworden.
Und dann schaut man sich die Testberichte an, die im Internet auftauchen, einen der ausführlichsten möchte ich direkt mal hier wiedergeben:

Das Seminar:
Dort waren noch viel mehr neue als wie bei dem
Rekrutierungs-Seminar. Ich schätze es auf ca. 50. Alle hatten wir in einem großen Saal einen zugewiesenen Sitzplatz. Dort fanden wir eine Mappe und Werbematerial.
Nach und nach stellten sich der Agenturleiter und seine Mitarbeiter vor. Auch meine mir direkte Vorgesetzte ( Strucki – Struktur Höhere) wurde mir dort vorgestellt.
Dann wurde die Versicherung Rendite Plus S von der Hamburg Mannheimer vorgestellt.
Also ich muss auch im nach hinein ganz klar sagen das dieses Produkt erstklassig war. Aber das war auch das einzig gute an der Sache.

Man lernte dort wie man diese Rendite Plus S, die heute wohl Golden Future heißt, an das Volk zu bringen. Man gab Rechenbeispiele, und Anleitungen um die Menschen zu manipulieren. Ja bei denen heißt das natürlich anders, und das wurde auch nicht gerne gehört.
Aber man sollte ein fest eingefahrenes Programm abspulen, und ganz viele JA bei dem dir gegenüber einholen. Das hat eine Wirkung auf die Psyche und man ist schneller geneigt einen Vertrag zu unterschreiben.
Natürlich war ich damals davon begeistert. Es wurde einem weisgemacht das man dann oft in solchen Hotels nächtigt und man viel reist. Auch wurde einem in Aussicht gestellt, ein Handy zubekommen. (wenn man erfolg hat). Heutzutage ist das nichts Besonderes mehr. Aber vor 10 Jahren war ein Handy noch was sehr sehr seltenes und sehr begehrt.

Auch die Vertriebsstruktur, und das Bezahlsystem wurde vorgestellt. Man distanzierte sich ausdrücklich vom Schneeballsystem. Aber nix anderes war das.
Wenn das Seminar abgeschlossen ist, hat man das Recht und die Macht neue Mitarbeiter zu werben. Wenn diese dann Umsatz machen und auch neue anwerben verdient man daran mit. Und so weiter. Täusch ich mich oder ist das Schneeball?
Bei dem Abschluss des Seminars bekamen wir alle einen chicen Ausweis. Dafür war auch das Passfoto gewesen.
Die Zeit nach dem Seminar:
Geblendet von dem Seminar, fuhr ich heim und klopfte unsere Nachbarschaft und Verwandtschaft ab. Dieses war die übliche Vorgehensweise. Denn dort sollte man üben. Auch Freunde zählten dann dazu. Zur Hilfe wurde ein Strucki mitgeschickt. Dieser hatte mehr Erfahrung und konnte auch manche unbequeme Nachfragen beantworten.

Erst da wachte ich etwas auf. Denn mehr und mehr Freunde wendeten sich von mir ab. Denn zu Recht glaubten diese, ich wolle ihnen nur eine Versicherung aufschwatzen.
Mein damaliger und heute zum Glück auch noch bester Freund, stellte dann auch genau diese Fragen, wozu wir nicht ausgebildet waren. Auch der Strucki konnte da nichts mehr sagen. Denn diese Fragen passten nicht ins System.
Mit dem ersten blauen Auge, war ich aber noch nicht bedient.
Aber ich habe etwas die Lust verloren. Das wurde da bemerkt und ich bekam jeden Tag mehrere Anrufe, dass ich doch mal zur Geschäftsstelle kommen soll.
Als ich dann mal wieder dort auftauchte, kamen wieder so Psychotricks, die einen und natürlich auch mich, manipulierten. Man stellte ein neues internes Punktesystem vor, in dem ich nur knapp vor einer Mallorca Reise stand.. Ich müsse nur noch eine Versicherung oder ein Paar neue Mitarbeiter werben.
Abends traf man sich um die ganze Gruppe einzupeitschen. Mit geschwellter Brust, ging man wieder an das Werk.
Aber wie einen neuen Mitarbeiter werben? Denn für den wäre ich der Strucki und er würde für mich den Umsatz machen.

Da wurde dann in die Trickkiste gegriffen. Man erstellte kleine Flugblätter und man sollte sich vor dem Arbeitsamt positionieren und dort enttäuscht ausschauenden jungen Menschen diese in die Hand drücken.
Aber das habe ich nicht mehr mitgemacht. Ich brach den Kontakt ab. Denn einen Vertrag bin ich ja nicht eingegangen. Man ist ja da ein freier Mitarbeiter.
Da begann dann der Telefonterror. Zu allen möglichen Uhrzeiten klingelte zuhause das Telefon. Auch bekam ich Post oder ein Strucki stand oft vor der Tür, um mich wieder zu rekrutieren.
Nach einigen Wochen war dann endlich ruhe.
Aber vor ca. 6 Jahren bekam ich Post von der HMI, das ich Geld zurückzahlen solle, da ein Vertrag den ich angeblich abgeschlossen hätte, vom Versicherungsnehmer gekündigt worden ist.
Aber das konnte nicht sein, da ich selber und meine Eltern die einzigen waren die diesen Rendite Plus s abgeschlossen haben. Das war ein Theater.
Dieser Kunde wohnte in der Eifel. (dort kenn ich keinen Menschen)
Ich kümmerte mich nicht mehr darum, da es ja nicht mein „Opfer“ war.
Nach ein paar Wochen, kam eine Mahnung.
Nun hatte ich die Schnauze voll und bin mit meinem Vater zu der Geschäftsstelle gefahren. Dort sollte man mir den Vertrag vorlegen.

Das konnte man nicht. Tage später wurde er mir als Kopie zugeschickt. Er war unterschrieben mit einem anderen Namen, aber als Agenturnummer und Mitarbeiternummer waren meine Daten dort eingetragen.
Ich drohte mit dem Rechtsanwalt, wenn das nicht sofort aufgeklärt werden würde…und machte meinem Ärger Luft, dass die es noch nicht mal geschafft haben auf den Vertrag zu schauen.
Bleibt nur die Frage: War das Betrug oder hat man sich schlicht und einfach vertan, oder war es nur wieder eine Masche, mich zu rekrutieren. Denn zwischenzeitlich klingelte wieder oft das Telefon, aber ohne dass auf den Anrufbeantworter gesprochen wurde.
Dann endlich hatte ich meine Ruhe. Eine Freundschaft zu anderen Mitarbeitern konnte man damals nicht aufbauen. Denn alle waren ja irgendwie Konkurrenten.
Vor ca. 1 Jahr habe ich beim Stadtbummel einen von damals wieder getroffen. Er war zu diesem Zeitpunkt schon ein Strucki mit vielen Mitarbeitern.
Als er dann auch keinen Umsatz mehr gebracht hat und ihm seine Leute abgesprungen sind hat man ihm fallen gelassen. Auch er hatte dann das Theater mit nicht abgeschlossenen Verträgen. Nur das war bei ihm um einiges mehr, da er schon sehr viel verdient hat.

Quelle: Klick

Was bleibt also: eine Stunde meines Lebens verschwendet. Das ganze Gespräch war von Anfang bis Ende nach Schema-F organisiert. Liest man sich ein wenig in die Psychotricks hinein, bekommt man das blanke Lachen, wie oberflächlich alles aufgezogen war. Zwei Vertreter, einer der nur redet, der andere meist in junges Fräulein nach Bauart „dumm aber hübsch“, großes Palavern, wie geil doch alles ist, Zahlen in Größenordnungen fernab von jeder Vorstellungskraft. Und ganz wichtig: immer Fragen stellen auf die man mit Ja antwortet. Leider gibt es dann aber immer noch das Internet. 20 Minuten Recherche und man hat den ganzen Laden durchleuchtet. Hier dann auch noch einige interessante Fakten der Visitenkarte, die ebenfalls an der Seriösität zweifeln lassen:

Martins E-Mailadresse ist mit @gmx.de angegeben. Auf der Rückseite gibt es „Kleingedrucktes“, mit Hinweisen, wo man seine Beschwerde über das Vermittlungsgespräch oder den Vermittler hinrichten soll (am besten direkt zur Hamburg Mannheimer und nicht zu irgendwelchen öffentlichen Stellen – klar, würde ja nur schlechte Publicity geben). Zudem ist die Internetadresse auf der Visitenkarte nicht erreichbar. Merkwürdig, nicht wahr?

UPDATE: da hat wohl irgendwer bei der Erstellung gepennt, die Adresse auf der Visitenkarte ist schlichtweg falsch. Bisschen recherchiert und hier ist dann auch der tolle Schulbus:

Das Märchen von der HMI

Witzig war’s, aber schade, dass es dann doch keinen vernünftigen Nebenjob gab. Also, weitersuchen.

PS: Ich bin gespannt, was es im Nachhinein noch gibt, vielleicht kommen ja auch zu mir die Mafiamethoden – juhu.

Über Martin

Martin
Technikbegeistert und immer auf der Suche nach spannenden, beeindruckenden und/oder lustigen Themen schreibt Martin neben seinem Hauptberuf täglich mehrere Artikel für wihel.de. Oder wie er es beschreibt: Andere teilen ihre Internetperlen lediglich mit ihren Freunden, wir teilen Sie mit allen, die es interessiert. Alle Beiträge von Martin ansehen.

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