Fahrrad vs. Auto – Der Kampf auf Hamburgs Straßen – JETZT MIT VIDEO UND GASTBEITRAG DES RADFAHRERS

Fahrrad vs. Auto - Der Kampf auf Hamburgs Straßen - JETZT MIT VIDEO UND GASTBEITRAG DES RADFAHRERS

Letzte Woche hatte ich einen ziemlich krassen Beitrag über einen Fahrradfahrer und eine Autofahrerin, die sich auf Hamburgs Straßen ein wenig näher gekommen sind, als es eigentlich gesund wäre. Leider hab ich es verpasst, den Beitrag noch vor der Veröffentlichung rauszunehmen, denn das Video war nicht mehr verfügbar – heimlich habe ich gehofft, dass zumindest durch meinen Text ein wenig deutlich wurde, wie krass ich das Ganze fand.

Gleichzeitig hab ich ein wenig mit dem Fahrradfahrer – Thomas heißt er, klingt besser als „der Fahrradfahrer“ – erst über Youtube, dann per Mail über die Ganze Sache geschnackt und wollte ihm doch eigentlich nur das Video rechtzeitig aus den Rippen leiern – mittlerweile ist daraus ein ganz netter Kontakt entstanden und hat mir ein wenig mehr Einblick gegeben, unter anderem weiß ich nun, warum Menschen ein virales Video auf der Höhe seines Erfolges wieder offline nehmen.

Der Thomas macht auf mich einen sehr netten Eindruck und bot mir – neben dem Video (JUHU!) – auch die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge als Gastbeitrag zu schildern. Gestern hat nun endlich alles geklappt. Thomas hat das Video bearbeitet und den Gastbeitrag geliefert und ich freue mich wirklich riesig, dass sich diese Gelegenheit ergeben hat. Ein Mal mehr hat sich gezeigt, dass man mit Menschen reden kann, wenn man nur vernünftig bleibt – dürfte sich die Dame im Video ein Beispiel dran nehmen. Nun aber zuerst das Video (ab Minute 1 geht es los – Thomas möchte vorher zeigen, dass er durchaus ein vernünftiger Radfahrer ist, was ich ihm hiermit auch bestätige):

Und noch ein Mal: WOW! Wie kann man denn nur so abgehen? Das ist der absolute Wahnsinn und grenzt ja schon fast an Totschlag. Aber hören, was Thomas zu all diesen Dingen loswerden möchte und was bisher alles geschehen ist:

„Schock-Video: Streit zwischen Autofahrerin und Radler“ – so titelte das Hamburger Abendblatt (Springer) am 08.07.2013 und hielt für den Besucher der Online-Ausgabe auch gleich das Video bereit.

Am darauf folgenden Tag (Dienstag) sprangen Radio Hamburg und Oldie ‘95 (identische Sendergruppe) auf den fahrenden Zug durchs Sommerloch auf. Auch hier war das besagte Video auf der Homepage neben den üblichen reißerischen Top-Stories platziert.

Am Donnerstag (11.07.2013) versuchte sich der lokale TV-Sender Hamburg1 an einer medialen Teilhabe des Ganzen. Der Clip diente als Einspieler für eine Diskussion mit Arne Meier vom hiesigen ADFC zum generellen Thema „Radfahren in der Stadt“.

Die Hamburger Morgenpost (MOPO) war erst am Samstag (13.07.2013) bereit, ein wenig Platz zwischen den sonstigen, teilweise auf Bild-Niveau agierenden, Artikeln freizuräumen.

Die letzte Woche lässt sich deshalb wohl kaum passender als mit Andy Warhols „15 Minutes of fame“ zusammenfassen. Denn diese „15 Minutes“ erlebte ich und bin doch recht froh, dass sich die mediale Aufmerksamkeit schnell einem anderen Thema zugewandt hat.

Ja, wir brauchen Diskussionen über Radverkehr; über ein Miteinander von zu Fuß Gehenden, Rad Fahrenden und Kfz Steuernden und über vernünftige Infrastruktur für alle Verkehrsteilnehmer.
 Leider ist dieses Video für eine konstruktive Diskussion absolut ungeeignet.

Es ist hingegen hervorragend zu geeignet, Fronten zu verhärten, Vorurteile zu bestätigen und die StStVO (StammtischStraßenVerkehrsOrdnung) mit neuen Halbwahrheiten, Mutmaßungen und Wünschen zu füllen. 
So ließ uns Nutzer J. in seinem Kommentar unter dem damals noch bei youtube abrufbaren Video an seinem Weltbild mit folgenden Worten teilhaben:
 „die straße gehört dem auto, wenn es keine radwege gibt, zuhause bleiben oder taxi fahren.“
 Die vielen ähnlich gelagerten „Meinungsäußerungen“ in den entsprechenden Gästebüchern, Foren und Blogs der oben erwähnten Medien bestätigen, dass Ansichten wie die von J. eben nicht nur in den Köpfen verwirrter Einzelner ihre Heimat haben, sondern in denen vieler Verkehrsteilnehmer. Verkehrsteilnehmer, mit denen wir Rad Fahrenden uns den gemeinsamen Verkehrsraum häufig teilen dürfen, häufig auch teilen müssen.

Das Video ist in seinem furiosen, hilfeschreienden Finale so grotesk, die handelnde Hauptperson derartig überzeichnet, dass man gar nicht glauben möchte, dass es sich um eine reale, nicht-gestellte Szene handeln soll. Doch zeigt es genau das: den puren, rabiaten Alltag. Sicherlich in einer seiner extremsten Ausprägungen. Da schreckt die Führerin des Kfz nach einem Schlag aufs „heilig‘ Blechle“ nicht vor Schlägen, schubsen, anspucken, Hilfeschreien zurück. Sie fühlt sich im Recht. Das Recht auf Fahrbahn? Das Recht auf Geschwindigkeit? Das Recht, andere Menschen zu gefährden, Verletzungen in Kauf zu nehmen?

Ich werde mit ca. 15cm Seitenabstand überholt und abgedrängt. Bei fast 40km/h auf einer Fahrbahn mit Schlaglöchern, ausgebesserten Frostschäden und Längsrissen in der Asphaltdecke. Ich wage zu behaupten, dass meine lautstarke und nachdrückliche Reaktion nur von denen verstanden werden kann, die ähnliche Manöver bereits am eigenen Leib erlebt haben oder zumindest wissen, wie schnell sich ein folgenschwerer Sturz ereignen kann.

Ich will mich für meine unmittelbare Reaktion auf das Überholmanöver nicht rechtfertigen oder Abbitte leisten – meine Nicht-Reaktionen auf bereits erwähnte verbale und non-verbale Entgleisungen der „guten Frau“ sprechen, so glaube ich, nicht gegen mich.
Entgegen ihres Wunsches/Vorschlages fuhr die Dame dann doch leider nicht zum nächstgelegenen Polizeikommissariat.

Für viele Betrachter des Videos bleibt die Frage: „Warum fährt der so? Darf der das?“
Nach diversen Beinahezusammenstößen auf unseren als sicher gepriesenen Radwegen handle ich nur noch nach einem einzigen Grundsatz:

Eigenschutz geht vor.

Dies bedeutet:
⁃ niemals in der Dooring-Zone fahren = 1,2m bis 1,5m zwischen Kfz und äußerstem Rand meines Fahrrades
⁃ keine verschwenkten oder nicht einsehbaren Radwege benutzen
⁃ Abstand zum Fahrbahnrand = 0,8m bis 1m, unter bestimmten Bedingungen auch mehr.
⁃ in engen, einspurigen Straßen auch und gerade bei Gegenverkehr immer in der Mitte und langsam

Daraus ergibt sich, dass ich die immer noch häufig angeordnete Radwegebenutzungspflicht nicht an jeder Stelle befolgen kann.

Aber warum die Fahrbahn, wo doch im Video eindeutig erkennbar ist, dass es dort verdammt gefährlich ist? Eine derartige extreme Gefährdung passiert mir vielleicht alle 6 bis 10 Wochen. Ohne den nötigen Seitenabstand werde ich aber fast täglich überholt. Dennoch ist statistisch erwiesen, dass Mischverkehr innerhalb von Ortschaften sicherer ist als das Fahren auf abgetrennten Radwegen mit Konfliktpotential an jeder Ausfahrt, jeder Kreuzung und vor jedem Straßencafé.

Deshalb möchte ich an alle Rad Fahrenden appellieren, sich nicht von derartigen „Schock-Video(s)“ abschrecken zu lassen. Nehmt Euer Recht auf Fahrbahn wahr! Zeigt keine Unsicherheiten, seid selbstbewusst!

Und den Kfz Steuernden, die tagtäglich Rücksicht auf Rad Fahrende nehmen, die mit dem nötigen Seitenabstand überholen oder auch mal 20 Sekunden hinter einem Rad Fahrenden bleiben, weil ein sicheres Überholen nicht möglich ist, möchte ich meinen Dank aussprechen. Die Städte wären um Einiges lebenswerter, wenn alle hinter dem Lenkrad so handeln würden.

Den Apologeten der Stammtisch-Straßenverkehrsordnung möchte ich aber die in Deutschland gültige Straßenverkehrsordnung ans Herz legen. Dort den §2 – Rechtsfahrgebot (bedeutet nicht „äußerst rechts“) sowie Radwegebenutzung; §5 – Überholen und außerdem den §9 – Abbiegen.

Ihr seht einen Rad Fahrenden, der sich eurer Meinung nach nicht an die Regeln hält, die eurer Meinung nach gelten? Sprecht ihn an – aber überfahrt ihn nicht!

Dem kann man nicht mehr viel hinzufügen. Ich danke dir, Thomas, dass es mit dem Video und vor allem mit dem Gastbeitrag geklappt hat und hoffe – sollte es denn wirklich soweit kommen – es geht alles gut aus. Und für alle anderen gilt: lest den letzten Satz von ihm noch mal und haltet euch dran.

Über Martin

Martin
Technikbegeistert und immer auf der Suche nach spannenden, beeindruckenden und/oder lustigen Themen schreibt Martin neben seinem Hauptberuf täglich mehrere Artikel für wihel.de. Oder wie er es beschreibt: Andere teilen ihre Internetperlen lediglich mit ihren Freunden, wir teilen Sie mit allen, die es interessiert. Alle Beiträge von Martin ansehen.

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