Gedanken-Tüdelüt (16): Was von der EM übrig blieb

Als einer von 80 Mio. Bundestrainer ist es natürlich ebenfalls meine Aufgabe, meine Meinung in rauszuhauen, schließlich wissen wir: jeder, der eine Meinung hat, muss diese auch unbedingt jemanden erzählen, vollkommen egal, ob die nun wichtig ist oder nicht. Wie sonst sollte man sich die Spaßbacken der AfD erklären oder warum Franz Josef Wagner noch immer nicht in der Geschlossenen gelandet ist.

Eigentlich ist es aber auch nur so, dass ich ganz gern über Fußball rede und hier und da die Dinge ein bisschen anders sehe, als es die meisten Sport-Medien niederschreiben. Allen voran Özil, der immer wieder als Genie bezeichnet wird, für mich aber nach wie vor der überschätztestesteste Spieler überhaupt ist. Ja, er kann hervorragend mit dem Ball umgehen und sicherlich auch ganz tolle Freistöße schießen – aber ein Spieler, der den Ball verliert und dann wie eine beleidigte Leberwurst einfach nicht nachsetzt und abwinkt, hat für mich in diesen Gehaltssphären einfach nichts zu suchen. Aber immer der Reihe nach.

Gefühlt war diese Europameisterschaft nicht wirklich etwas, worauf man sich freuen konnte, zumindest vor zwei Jahren zur WM war deutlich mehr Euphorie zu spüren. Kann natürlich daran liegen, dass die Stimmung allgemein nicht gerade hervorragend ist (Stichwort Anschläge von Paris oder die braune Suppe, die überall hochkocht), vielleicht hat auch einfach das Marketing dieses Mal nicht gezogen. Aus meiner Sicht liegt es aber vor allem daran, dass gefühlt lediglich eine Woche nach dem Bundesligaende verging und schon war EM. Oder anders ausgedrückt: die Europameisterschaft kam dann doch recht überraschend – keiner hatte wirklich Zeit, die eigene Freude darauf wachsen zu lassen. Vielleicht waren es aber auch die eher schlechten Testspielergebnisse der deutschen Nationalmannschaft, wer weiß das schon so genau.

Entsprechend verlief dann auch die Vorrunde. Kein Spiel dabei, dass wirklich herausragend war, eher im Gegenteil: das hat mal überhaupt keinen Spaß gemacht. Natürlich kann man nun das Spiel gegen die Slowakei heran ziehen, aber ehrlich gesagt: den 24. Weltrangliste muss man einfach wegputzen, gerade als amtierender Weltmeister.

Ob das Ausscheiden gegen Frankreich nun verdient war oder nicht, kann man sicher bis zum Weltuntergang diskutieren, was aber einfach nur dämlich ist: zwei Elfmeter wegen Handspiels. Bitter ist hier allerdings, dass es zwei Spielern passiert ist, die sonst eigentlich mit ihrem Spiel sehr überzeugt haben, allen voran natürlich Jerome Boateng. Ich hab mich direkt an die WM 2002 erinnert gefühlt, als Oli Kahn – der Über-Titan, die Mannschaft mehrfach allein im Spiel gehalten hat, dann aber im Finale ein Mal nicht aufgepasst hat. Das Ergebnis kennen wir.

Dass es zudem eine recht doofe Idee war, lediglich einen echten Stürmer mitzunehmen, war mir im Vorfeld schon klar – aber am besten lernt man durch eigene Erfahrungen. Die hat Jogi Löw nun gemacht und auch wenn es bestimmt ein bisschen weh tat, die Chancenverwertung aus den Spielen spricht eine deutliche Sprache. Ein neuer Miro Klose muss her – irgendwer wird doch sicherlich ein paar Haare von ihm auftreiben können. Einfach klonen und fertig ists.

Könnte man dann auch gleich mit Philipp Lahm machen, denn wenn auch alle Kimmich über den Klee gelobt haben, defensiv war da nichts, dass überzeugt hat. Immerhin nach vorne viel Bewegung, wer weiß, wie die Spiele sonst noch ausgegagnegn wären. Aber einen Lahm kann man eben nicht mal einfach so ersetzen – war natürlich vorher klar, aber der Beweis kann nicht schaden.

Auf der anderen Seite sieht es zudem nicht viel besser aus. Ja, ein Jonas Hector sorgt für viel Bewegung und kann sicherlich auch die eine oder andere schöne Flanke schlagen. Aber wenn a) keiner vorne dabei ist, der diese auch verwertet, hilft das alles nichts und b) muss man sich auch mal fragen, warum der sich so oft ohne Fremdeinfluss aufs Gesicht gepackt hat.

Über Götze braucht es an sich keine weiteren Worte zu verlieren. Ein Spieler, der von Trainer und Verein gesagt bekommt, dass er nicht mehr gebraucht wird und anschließend seinen Berater feuert, nur um wie ein trotziges Kind zu sagen, dass er trotzdem bleibt, ist halt auch nur ein trotziges Kind. Liefert man die Leistung eines Zlatan Ibrahimovic ab, kann das natürlich funktionieren – mit dem, was Götze gezeigt hat, eher nicht. Immerhin hat er so aber mehr Zeit für seine Social Media-Spielchen, ist doch auch was.

Insgesamt ist es schon sehr bezeichnend, dass mit Portugal nun ein Europameister gefunden ist, der eigentlich nur drei Spiele gewonnen hat. Das ist zwar nicht unverdient, aber die einzige Leistung bestand dann im Großteil darin, einfach nicht auszuscheiden – was das über die Qualität des gesamten Turniers aussagt, kann jeder für sich selbst entscheiden – die Aufstockung der Mannschaften und der veränderte Turniermodus (von dem ich übrigens gar keine Auswirkungen gespürt habe) haben allerdings nicht zu einer gesteigerten Attraktivität beigetragen.

Am Ende muss man also fast sagen, dass man froh sein kann, dass es endlich vorbei ist. Aber es war nicht alles schlecht: die Isländer haben wunderbar überrascht und die irischen Fans haben gezeigt, wie man ein richtig geiler Fan sein kann. Sogar so sehr, dass es mit etwas Glück auch auf andere Fans abgefärbt hat – somit hat sich das Turnier wenigstens in diesem Punkt gelohnt.

Und Otto Waalkes war auch endlich mal wieder im Fernsehen:

Beim nächsten Turnier wird bestimmt alles besser. Hoffentlich.

Über Martin

Martin
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