Gedanken-Tüdelüt (03): Und dann muss man plötzlich doch politisch werden

Gedanken-Tüdelüt (03): Und dann muss man plötzlich doch politisch werden

Und plötzlich tritt der Fall ein, den ich eigentlich immer vermeiden wollte: wir müssen über Politik reden. Passt eigentlich gar nicht zu diesem wunderschönen Unterhaltungsblog, ohne den man nicht über den Tag kommen kann – aber auch an mir sind die Wahlergebnisse vom Wochenende nicht spurlos vorbei gegangen. Vorweg sei gesagt: ich hab von Politik nicht all zu viel Ahnung, ich lese keine Zeitung und lebe davon, was n-tv und sport1 in ihre Apps schreiben (und was Spiegel und Co. mal als Pushmeldung raushauen). Dazu unregelmäßig das Hamburg Journal und, wenn ich es denn nicht vergesse, noch ein bisschen Tagesschau, plus das, was man im Vorbeigehen im Netz aufschnappt. Was ich aber zumindest ein klein wenig habe, ist gesunder Menschenverstand.

Ich will auch nicht sagen, dass mich die Wahlergebnisse schockiert haben – wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird unweigerlich gemerkt haben, dass die AfD durchaus ein Ergebnis einfahren wird, das fernab von Gut und Böse ist, lediglich dass es solch ein Ausmaß annehmen wird, war dann doch überraschend.

Die Gründe dafür sind vielfältig und es wäre deutlich zu einfach, nun mit dem Finger auf die paar Hanseln zu zeigen, die man aus den einschlägigen Berichterstattungen kennt – halt die typischen Menschen, die man unter der Woche auf offener Straße trifft und die eben nicht einer regelmäßigen Beschäftigung nachgehen.

Umfrage in der AfD-Hochburg Bitterfeld

31,9 Prozent – in Bitterfeld erzielte die AfD ihr stärkstes Ergebnis. Was die Wähler dort über Flüchtlinge sagen, ist schockierend.

Posted by SPIEGEL ONLINE on Monday, March 14, 2016

Wenn es darum geht, die Schuldfragen zu klären, ist die Antwort einfach: alle.

Wenn wir uns allein die Flüchtlingskrise ansehen und speziell die Reaktionen und der Umgang der europäischen Länder darauf bzw. damit, müssten spontan Kotzanfälle aussbrechen, mit denen man sämtliche Schwimmbäder des Landes füllen könnte. Da lassen Menschen ihr Leben hinter sich, nehmen unfassbare Strapazen auf um selbiges zu retten und alles, was ihnen entgegenschlägt ist Fremdenhass und das mittlerweile typische „Du kommst hier net rein“. Und das von Ländern, die in den letzten Jahren gebetsmühlenartig ein offenes Europa herunter gebetet haben – das ist so abartig, dass kann man sich gar nicht ausdenken.

Norbert Blühm, mittlerweile 80 Jahre alt und politisch wahrscheinlich einfach alles schon mitgemacht, hat vor einigen Tagen ein Zeltlager in Idomeni besucht. Nicht das typische „Ich fahr da mal eben hin, lächel dämlich in die Kamera und dann schnell wieder nach Hause – wird ja auch langsam kalt“. Stattdessen verbrachte er mehr als einen Tag dort, hat sich mit den Menschen auseinander gesetzt und, wie er selbst sagt, versucht, dass Elend ein Stück weit zu teilen. Und ganz nebenbei auch ein paar sehr interessante und wahre Aussagen vom Stapel gelassen:

Norbert Blüm zeltet in Idomeni

Norbert Blüm (80) reist mit stern TV ins Auffanglager nach Idomeni und zeltet mit den Flüchtlingen. Sein Fazit: "Europa, schäm dich!" Was denkt ihr über die Bilder von der griechisch-mazedonischen Grenze?Wie Blüm die Lage vor Ort erlebt hat – hier ein erster Ausschnitt. Am Mittwochabend ist Blüm dann live bei Steffen Hallaschka im stern TV-Studio!

Posted by stern TV on Sunday, March 13, 2016

Aber auch die Politiker hierzulande tragen allesamt eine Mitschuld. Denn keiner hat es in den letzten Jahrzehnten geschafft, Vertrauen zu gewinnen oder zumindest das bisschen, dass sie noch haben, angemessen zu rechtfertigen. Klar, Politik ist komplizierte Scheiße, aber wenn sich mittlerweile nicht mal mehr die Mühe gemacht wird, gebrochene Wahlversprechen zumindest mit ein bisschen Geschick unter den Teppich zu kehren, ist es doch kein Wunder mehr, dass die Politikverdrossenheit immer weiter steigt. Ich sag nur SPD und Vorratsdatenspeicherung.

Und auch wir kleine Pupsinternetuser tragen Mitschuld, dass so ein Haufen, wie die AfD, an Popularität gewinnt. Na klar sind die kleinen Späßchen, die wir alle so machen, recht unterhaltsam – aber sie lösen weder das Problem und tragen wahrscheinlich sogar noch dazu bei.

Denn fest steht: die AfD ist ein Haufen von verkappten Nazis, die schlichtweg eine neue Farbe gefunden hat. Blau statt braun – sieht anders aus, ist aber noch immer der gleiche Mist. Und fest steht auch: Nazis waren Scheiße, sind Scheiße und werden auch immer Scheiße sein. Aber sie haben es auch schon ein Mal geschafft, die Schwächeren der Bevölkerung für ihre verschrobenen Ansichten zu gewinnen.

Und wie? In dem sie die Situation, wie ich sie oben beschrieben habe, auf sehr einfache Weise ausnutzen. Denn wenn alles scheiße ist, gewinnt der, der am lautesten schreit. Es war schon immer einfacher, lautstark zu meckern, statt konkrete Lösungen anzubieten und je einfacher, umso massentauglicher. Protest ist die Devise, denn Protest funktioniert immer, wenn es darum geht, die eigene Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen – besonders wenn man selbst nicht in der Lage ist, warum auch immer, gegen diese Unzufriedenheit etwas zu unternehmen. Gerade wir in Deutschland können doch gar nicht anders, als wie wahnsinnig nach dem Haar in der Suppe zu suchen und dauerhaft unzufrieden zu sein.

Wie wird wohl ein Mensch reagieren, der sein Leben scheiße findet, dafür grundsätzlich alle anderen verantwortlich macht und dann auch noch durch Fernsehen und Internet als lächerlich-dumm hingestellt wird? Natürlich wird der sich selbst hinterfragen, seine politischen Ansichten reflektieren und zur Einsicht kommen, dass er selbst so manchen großen Fehler begangen hat. Nicht. (Stichwort: „Jetzt erst recht“)

Am deutlichsten wird das gerade dann, wenn man sich den Entwurf zum Grundsatzprogramm der AfD anschaut und immer im Hinterkopf behält, wie der Großteil der AfD-Wählerschaft wohl aussieht:

Das AfD-Programm entschlüsselt:Correctiv-Publisher David Schraven erklärt die aus seiner Sicht anstößigen Punkte des…

Posted by Correctiv on Monday, March 14, 2016

Halten wir also fest: ich renne einer Partei hinterher und wähle sie, weil sie am lautesten schreit, dass keine Flüchtlinge nach Deutschland kommen sollen, weil die dafür sorgen, dass sich mein eigener Lebensstandard verschlechtert und sowieso die bisherigen Parteien ebenfalls nicht dazu beigetragen haben, dass es mir besser geht. Diese Partei will allerdings in ihrem Grundsatzprogramm verankern, dass unter anderem Sozialleistungen gestrichen, alleinerziehende Mütter abgelehnt und Investitionen im Keim erstickt werden. Passt nicht zusammen? Aber genau so funktioniert Politik.

Schrei am lautesten, was die Leute hören wollen und schleif schnell alles das durch, dass für Ärger sorgen könnte. Zumindest in dem Punkt ist die AfD nicht weit von den Altparteien entfernt.

Was wäre nun die Lösung?

Natürlich hab ich keine – hätte ich eine, würde ich hier nicht sitzen, sondern mich auf den Weg nach Berlin machen und mich darauf vorbereiten, euer König zu werden. Ich wünschte, wir könnten darauf hoffen, dass mit der AfD das gleiche passiert, wie mit der Piratenpartei (die ja im Grundsatz einige gute Ideen, stark angefangen, aber eben auch stark nachgelassen hat) und recht schnell wieder in der politischen Versenkung verschwindet. Aber selbst das löst ja das Problem nicht – schließlich geht es nicht darum, dass es diese Idioten-Partei gibt, sondern das Problem sind ihre Wähler. Die Menschen, die politisch keine Zuordnung finden, die mit ihrem Leben nicht in dem Maße klar kommen, dass sie damit zufrieden sind und die sich dann mittels Angst und aufgrund eigener Unwissenheit instrumentalisieren lassen.

Gedanken-Tüdelüt (03): Und dann muss man plötzlich doch politisch werden
FB-Post lies sich nicht embedden – ein Klick auf das Bild führt aber direkt zu Facebook. Falls ihr also mitdiskutieren wollt

Vielleicht muss man das alles aber auch als Chance verstehen – der berüchtigte Schuss vor den Bug, bevor alles zu spät ist. Ich weiß es nicht, aber so wie es jetzt ist, ist es echt beschissen.

[Video aus Bitterfeld via, Video von Norbert Blüm aus Idomeni via, Post von Nilz Bokelberg]

Über Martin

Martin
Technikbegeistert und immer auf der Suche nach spannenden, beeindruckenden und/oder lustigen Themen schreibt Martin neben seinem Hauptberuf täglich mehrere Artikel für wihel.de. Oder wie er es beschreibt: Andere teilen ihre Internetperlen lediglich mit ihren Freunden, wir teilen Sie mit allen, die es interessiert. Alle Beiträge von Martin ansehen.

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