Martin
Gedanken-Tüdelüt (39): Montag, der 19.12.2016 | Was is hier eigentlich los? | wihel.de

Gedanken-Tüdelüt (39): Montag, der 19.12.2016

Finde es jetzt angebracht

Wir alle wissen, der Montag hat es grundsätzlich schon nicht leicht, in Sachen Sympathiepunkte höher als eine Teppichkante zu kommen – doch dieser Montag hatte es dann mehr als in sich. Ich neige fast schon dazu, zu sagen: „nicht überraschend“, allerdings waren die Ereignisse dann doch zu erschütternd, als dass man das als normal bezeichnen kann und darf. Und doch passt es einfach zu diesem Jahr, dass zwar immer mit einer Überraschung aufwarten konnte, aber eben nicht im positiven Sinne.

Ihr alle habt es wahrscheinlich mitbekommen: in Berlin ist ein LKW in einen Weihnachtsmarkt gerast und hat erheblichen Schaden angerichtet und das nicht nur im materiellen Sinne. Dazu wurde in Ankara der russische Botschafter bei einer Veranstaltung erschossen und auch in Zürich kam es zu einer Schießerei – alles am selben Tag.

Die alles entscheidende Frage, die sich mir mittlerweile als erstes stellt: wie geht man damit um? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht – wenn man allerdings einen Blick auf Facebook und Twitter wirft, kann ich sagen, wie man nicht damit umgeht, nämlich genau so, wie es nahezu alle tun.

Da sind natürlich die Medien, die sich mit Push-Meldungen, Spezialsendungen und immer wilder formulierten Headlines überschlagen und natürlich sind da auch die verblendeten Wichser wie zum Beispiel von der AfD, die für genau solche Fälle schnell in ihre Schubladen kramen und den nächsten völlig abgedrehten geistigen Dünnschiss dazu absondern, nur um es noch in irgendeiner geschmacklosen Form für ihre eigenen Interessen zu nutzen. Dass es nicht viel Logik und gesunden Menschenverstand braucht, um das zu enttarnen, erklärt sich eigentlich von selbst – schaut man sich die Wahlergebnisse und Umfragen an, besitzen noch immer viel zu viele viel zu wenig davon.

Ich hab den Montag zum Großteil mit Kopfschütteln verbracht. Natürlich registriere ich die Push-Meldungen auf meinem iPhone, dafür sind sie schließlich da. Aber statt wie sonst die Nachricht auch zu lesen, hab ich das Smartphone einfach zur Seite gepackt, bewusst Twitter und Facebook zunächst vermieden und weiter meine Serie geschaut. Wie sich im Nachgang herausstellen sollte: unbewusst das genau Richtige, was man machen kann.

Später dann haben wir doch mal die Nachrichten laufen lassen – und waren genauso schlau wie vorher. Und doch liefen die Sendungen schon mehrere Stunden, die Nachrichtenapps waren voll mit Beiträgen dazu und auch Twitter lief mehr oder weniger heiß. Auch an dieser Stelle muss ich mir selbst auf Schulter klopfen, denn meine selbstgeschaffene Filterblase war – abgesehen von Retweets und dazugepackter Empörung – war komplett frei von diesen bereits angesprochenen Wichsern.

Allerdings hab ich mich am Montagabend das erste Mal unwohl gefühlt mit meinem Schaffen hier. Die Beiträge waren geschrieben und bereits geplant – aber ist das jetzt eigentlich richtig und angebracht in diesem Moment? Einfach weiter Unterhaltung und vielleicht auch Spaß verbreiten, ohne auch nur einen Bezug zu dem Thema? Andererseits: warum eigentlich nicht? Schließlich geht es ja genau darum, sich nicht unterkriegen und einschüchtern zu lassen. Vielleicht sogar sowas wie ein Gegenpol sein, um sich nicht von dieser ganzen Scheiße erdrücken zu lassen – schließlich soll wihel genau das sein: ein kleiner Ort, an dem man mal abschalten kann. Was Lustiges, Spannendes, Tolles und/oder Lehrreiches sieht – das, was früher mal das Fernsehen ganz gut konnte.

Ignoranz ist da natürlich nicht die Lösung, wobei ich das auch nicht als ignorant bezeichnen würde. Aber wenn gerade Jan Böhmermann und Oli Schulz für ihre Ansprache zum Abbruch ihrer Veranstaltung gefeiert werden, dann liegt das vor allem an einem: der Ruhe, die sie ausgestrahlt und zu der sie ermahnt haben. Und vielleicht ist genau das der richtige Ansatz – haben wir so ja auch bereits beim Amoklauf in München gesehen, als der Pressesprecher der Polizei wie ein Fels in der Brandung nur selten eine inhaltlich vollumfängliche Antwort auf die zahlreichen Fragen hatte (einfach, weil der Kenntnisstand noch nicht gegeben war), dafür aber eben enorme Ruhe und Sachlichkeit ausstrahlte und sich nicht an irgendwelchen Spekulationen beteiligte.

Natürlich versteh ich, dass es Aufgabe der Medien ist, so schnell so viele Informationen wie möglich zu veröffentlichen – aber dieses fast schon mit Leidenschaft gelebte Postfaktische (um das Wort des Jahres 2016 direkt mitzuverwenden) ist einfach nur abartig.

Allein wie oft der Spiegel in meinem Facebook-Feed mit Videos aufwartete, in denen Passanten gefragt wurden, wie sie sich nun fühlen und wie sie mit der Angst umgehen – Alter, gehts noch? Da sind keine 24 Stunden vergangen, nur die Wenigsten konnten sich der Situation bewusstwerden, geschweige denn sie in einen Gesamtkontext einordnen und dann hält man denen Kamera und Mikrofon ins Gesicht umso eine saudämliche Frage zu beantworten.

Auf der anderen Seite ist es fast schon bewundernswert, wie n-tv und Co. stundenlang Labern können, ohne auch nur irgendwas zu erzählen – wenn es denn nicht so furchtbar nerven würde und falsch wäre. Wir haben uns das insgesamt 1 Stunde angetan, mehr ging einfach nicht. Aber auch hier: das eigentlich Schlimme ist, dass es leider noch viel zu viele gibt, die diesen Mist fressen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Letztendlich bin ich nur ein kleines Licht in unserer Straße, in dieser Stadt, in diesem Land, auf dieser Welt und in diesem Internet. Aber wenn ich einen Rat geben muss: legt das Smartphone beiseite, lasst das Internet zu, atmet tief durch und wartet ab, bis es wirklich gesicherte Informationen gibt. Alles andere ist verschwendete Zeit, Mühe und Kraft. Und lasst das Hirn an.

Denn vielleicht ist genau das der richtige Umgang damit: Ruhe und Besonnenheit, Orientierung an Fakten und sowas wie Normalität. Nicht nur in dieser Situation, sondern allgemein im Leben.

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