Martin
Gedanken-Tüdelüt (62): Ohmacht | Was is hier eigentlich los? | wihel.de

Gedanken-Tüdelüt (62): Ohmacht

Gedanken-Tüdelüt (62): Ohmacht | Kolumne | Was is hier eigentlich los? | wihel.de
via Nico Pointner

Ich weiß, die letzten Tage waren zum Thema G20 schon mehr als genug gefüllt und auch Line hat mir quasi schon die Basis für das Thema genommen (mit einem durchaus sehr guten Beitrag, das muss man sagen), aber so ganz unkommentiert will ich das letzte Wochenende dann doch nicht lassen. Sei es, um mich in die Reihe all der Meinungshabenden mit einzureihen oder auch nur, um das in irgendeiner Form selbst verarbeiten zu können.

Ganz bewusst verzichte ich in diesem Beitrag auf irgendwelche superwitzigen GIFs, genauso auf die schrecklichen Bilder, die die Streams und Nachrichten vom Wochenende geflutet haben.

Normalerweise schreib ich die Beiträge immer genau so, wie sie mir durch den Kopf schießen. Zu lang drüber nachgedacht, werden dann doch nur wieder Absätze gelöscht, alles masakriert und am Ende fehlt der gesamte Fluss. Ich denk ja auch nicht eine halbe Stunde über zwei gesprochene Sätze nach, warum sollte ich das auf meiner Spielwiese tun?

Und doch musste ich dieses Mal wirklich lang überlegen, wie sich die Geschehnisse irgendwie in Worte fassen lassen.

Wie viele andere hatte auch ich am Freitag die Wahl fürs Homeoffice und ich hab sie weitestgehend gern wahrgenommen. Technisch bedingt musste ich aber dann doch für zwei Stunden ins Büro. Wird schon nicht so schlimm werden, hab ich noch gesagt und damit vor allem versucht, Line zu beruhigen. Dass nur ein paar Meter vor unserem Arbeitszimmerfenster eine Demo entlang führte und der Wasserwerfer im Hintergrund vor sich hintropfte, machte das Unterfangen nicht leichter. Aber ich fuhr hin, erledigte meine Arbeit und sollte auch schon bald wieder fahren.

Ein Kollege bekam allerdings zwischendurch den Anruf, dass die Kinder aus dem Kindergarten abgeholt werden müssen – die Polizei könne die Sicherheit nicht garantieren. Mit den Bildern von Donnerstagabend war die Gefahr dann doch spürbar nahe.

Etwas mulmig fuhr ich vom Büro wieder nach Hause und als ich an der Ampel stand, hab ich mich dabei erwischt, darüber nachzudenken, was ich wohl machen würde, würde ich an der nächsten Ampel vom schwarzen Block eingekesselt werden – ein absurder Gedanke, der aber am Freitag gar nicht so entfernt schien.

Und zu Hause angekommen war eigentlich nur noch eines wichtig: Streams beobachten und im Kopf die Punkte durchgehen, die erledigt werden müssten, damit wir flüchten können. Im Jahr 2017. In Deutschland. An Flucht denken. Das kann man sich gar nicht ausdenken.

Was passiert ist, wissen wir alle und irgendwie steckt mir das auch heute noch ein bisschen in den Knochen. Ich musste lange darüber nachdenken, wie sich das Gesehene und Gefühlte in Worte ausdrücken lässt und ich hab tatsächlich eins gefunden: Ohnmacht.

Wenn man sieht, wie Menschen durch die Straßen ziehen, vollkommen wahllos Autoscheiben einschlagen und ohne erkennbaren Grund bengalisches Feuer hineinschmeißen – ich hab da keine Wut gefühlt. Kein Hass. Keine Traurigkeit. Ich konnte einfach nicht verstehen, was da passiert bzw. warum es passiert. Das wirkte alles surreal, wie aus einem schlechten Film. Das, was man aus den Nachrichten aus weit entfernten Ländern kennt, passierte plötzlich nun beinahe vor der eigenen Haustür.

Was schon völlig wahnsinnig schien, sollte aber noch getoppt werden – direkt auf der Schanze, durch Plünderungen von Läden und – keine Ahnung, ob die Begrifflichkeit korrekt ist; gefühlt scheint sie es – versuchtem Mord.

Warum wir nicht genug in Bildung investieren können. #G20 #Satire

Posted by Hans Sarpei on Freitag, 7. Juli 2017

Anders kann ich es nicht einordnen, wenn Personen auf Hausdächer klettern, dort Steine und Gehwegplatten sowie Molotowcocktails deponieren und nur auf „ihre Opfer warten“. Ich habe das Blutbad schon vor meinem inneren Auge gesehen, als die SEK-Männer im Stream auftauchten.

Ich und auch Line konnten nichts anderes machen, als auf die Streams zu starren. Genau so muss sich Ohnmacht anfühlen. Wenn man sieht, was passiert, aber es nicht vertseht und begreift. Wenn man nicht weiß, was man damit eigentlich anfangen soll.

Ich glaube, man merkt, dass das Tüdelüt in dieser Kolumne besonders groß ist – zu viele, verquere Gedanken schwirren mir durch den Kopf.

Beinahe genauso schlimm wie das, was auf den Straßen passiert ist, war das, was in den hiesigen Kommentarspalten vor sich ging. Es ist unfassbar, wie viele Experten und Klugscheißer es in diesem Land gibt. Die einen sprechen ausschließlich von Polizeigewalt, die anderen ordnen den schwarzen Block in irgendwelche politischen Richtungen, wobei es noch nicht mal eine Rolle spielt, ob Links oder Rechts.

Das, was passiert ist, hatte absolut nichts mit Politik zu tun und jeder, der da auch nur ansatzweise einen Zusammenhang erkennen will, sollte sich am besten direkt wieder unter dem Stein verstecken, unter dem er hervor gekrochen ist.

Auf der anderen Seite muss ich sagen: mehr oder weniger haben alle Recht:

Olaf Scholz, in dem er sagt, dass es in einem demokratischen Land nicht sein darf, dass Terroristen – denn das sind nun mal all diejenigen, die brandschatzend und plüdernd durch die Straßen gezogen sind – bestimmen, ob so eine Veranstaltung in einer Stadt wie Hamburg stattfinden darf oder nicht.

Der Großteil der Bevölkerung, der aber dennoch sagt, dass es eine aberwitzige Idee war, solch eine Veranstaltung mitten in die Innenstadt Hamburgs zu platzieren. Noch nicht mal wegen der Vorkomnisse, sondern allein aufgrund der Einschränkungen und dem zeitweise faktischen Lahmlegens des öffentlichen Lebens.

Die Polizeikritiker, die durchaus berechtigt die teils völlig überzogene Gewalt anprangern.

Und die, die sich – leider sehr blind – hinter die Polizei stellen und sie als Helden feiern, denn sie haben nun mal Leib und Leben riskiert, um das zu retten, was kaum noch zu retten war.

Peace auf der Straße in Hamburg

Definitiv einer der schönsten Momente des #G20-Gipfels. 🤗

Posted by N-JOY on Sonntag, 9. Juli 2017

Auch hier fehlt mir wieder mal eine differenzierte Sichtweise und der Blick für das Gesamtbild. Natürlich muss es nicht sein, dass zwei Beamte ein Mädchen, das auf einen Panzerwagen geklettert ist, mit Pfefferspray völlig ohne Not herunter zu sprühen. Aber es muss mindestens die Frage erlaubt sein, was besagte Dame verdammt noch mal auf dem Panzerwagen überhaupt zu suchen hatte.

Genauso kann man sich darüber echauffieren, dass die Polizei sehr lange dem Treiben in der Schanze nur zugeschaut hat – auch für uns war nicht klar, warum man dort nur zusah und nichts unternahm. Sieht man Tage später aber, was auf den Häuserdächern abging, muss man sich fragen, warum da nicht noch deutlich mehr Spezialkräfte und mit deutlich mehr Härte dem Treiben ein Ende gesetzt haben.

Worauf ich hinaus will: haltet doch einfach mal die Fresse, ihr neunmalklugen Besserwisser, deren einzige Leistung darin besteht, in den Kommentarspalten der Welt erklären zu wollen, dass sie es ja vorher schon gesagt hätten und sowieso alles klar war. Wie konnte man denn nur so dumm sein und überhaupt – warum ist man noch nicht Bundestrainer?

Das ist Hamburg: G20 ist vorbei, alle räumen auf 💪🏼❤

Posted by Mit Vergnügen Hamburg on Sonntag, 9. Juli 2017

Ja, es wurden Fehler gemacht und das auf so ziemlich allen Seiten. Auch unter Polizisten gibt es schwarze Schafe, die die Gelegenheit genutzt und um sich geschlagen haben, als gäbe es kein Morgen mehr. Zum Teil im vollen Bewusstsein, zum Teil durch pure Panik, vor der sich auch ein ausgebildeter Beamter nicht schützen kann. Ebenso spricht es für sich, dass Staatsoberhäupter fürstlich Speisen, während ein paar Straßen weiter Existenzen bedroht, wenn nicht sogar vernichtet, werden.

Und auch ich dachte, ich wüsste, was auf uns zu kommt. Dass es knallen würde, war klar und das wusste auch ein Olaf Scholz. Dass es in diesem Maße passierte – das konnte niemand ahnen. NIEMAND!

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Aber Hamburg kann auch anders und es macht mich froh – auch als Zugezogener – zu dieser Stadt zu gehören. Wenn sich Tausende Menschen versammeln, um das Schanzenviertel zu putzen und es am Ende wahrscheinlich so sauber wie noch nie war – das ist Hamburg. Wenn der HVV, der nun mal das Schicksal aller öffentlicher Verkehrsmittel teilt und sowieso immer als Mecker-Zielscheibe dient, kostenlose Monatskarten für diejenigen stellt, die ihr Auto aus Gründen nicht mehr nutzen können – das ist Hamburg. Wenn Autohäuser kostenlos Mietwagen zur Verfügung stellen – das ist Hamburg.

Liebe Hamburger, um denen zu helfen, deren Fahrzeuge in den vergangenen Tagen in Brand gesetzt wurden, stellt der #HVV…

Posted by HOCHBAHN on Sonntag, 9. Juli 2017

+++ UPDATE: Jetzt für Volkswagen, Audi, ŠKODA und SEAT +++ Wir sind noch immer fassungslos, was am Freitag und Samstag…

Posted by Auto Wichert GmbH on Montag, 10. Juli 2017

Wenn man will, dann lassen sich vielleicht folgende Lehren aus dem Wochenende ziehen:

Niemand kann auf alles vorbereitet sein, schon gar nicht, wenn eine Masse gehirnamputierter Krawallterroristen durch die Straßen ziehen und einen regelrechten Guerilla-Krieg starten. Niemand kann sich von Fehlern in solchen Extremsituationen freisprechen – weder Presse, Politik, Polizei noch Demonstranten (die sich ja teilweise in ihren Handlungen selbst widersprechen) und solche, die es sein wollen – denkt nur an all die, die nichts gegen Steinewerfer und sonstige Störer unternommen haben; sie zum Teil noch beklatscht haben. Aber Hamburg kann eben auch anders, unterstützt sich und zeigt Solidarität, wenn es darauf ankommt.

Bei einem Punkt sind wir uns dann aber doch hoffentlich alle einig: Andreas Beuth ist ein Arschloch.

Rote Flora: Krawall ja, aber nicht im eigenen Viertel

Andreas Beuth von der Roten Flora hat Verständnis für die Krawalle – aber: "Warum nicht in Pöseldorf oder Blankenese?" #G20

Posted by NDR 90,3 und Hamburg Journal on Samstag, 8. Juli 2017

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