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360° – Das war meine Woche – KW 27 / 2017 | Was is hier eigentlich los? | wihel.de

360° – Das war meine Woche – KW 27 / 2017

© Erik Marquardt

Eine Woche wie die letzte werden wir hoffentlich nie wieder erleben. Der G20-Gipfel fand am 07.07. und 08.07.2017 in Hamburg statt. Und mit ihm die wohl gewalttätigsten Ausschreitungen, die ich in meiner Heimatstadt je erlebt habe.

Normalerweise würde ich jetzt über meine Highlights der vergangenen Woche berichten. Aus gegebenem Anlass werde ich darauf verzichten und einfach von meinen Eindrücken zum G20-Gipfel berichten.

Schon weit im Vorfeld stieß die Entscheidung, den Gipfel mitten in der zweitgrößten Stadt Deutschlands zu veranstalten, auf Unverständnis. Viele Kollegen haben sich Urlaub genommen und verlassen die Stadt, um dem Geschehen zu entgehen. Zugegeben, am Anfang wurden sie auch von mir belächelt. Nach den letzten Nächten weiß ich, dass sie alles richtig gemacht haben.

Mein Arbeitsweg führt mich jeden Morgen durch die Mönkebergstraße. Unser Büro liegt mitten in der Innenstadt, nahe dem Hamburger Rathaus. Vor einigen Wochen starteten dort die ersten Vorbereitungen für das politische Spektakel in unserer Stadt. Geschäfte verbarrikadierten sich, vernagelten Schaufenster und bestellten zusätzliches Security-Personal. An der S-Bahn Station Sternschanze und auch rundum das Messegelände wurde Maschendrahtzaun aufgestellt und man sah immer mehr Polizei aus allen Bundesländern.

Vier Tage vor dem Gipfel sind in der Innenstadt die Schaufenster jedes zweiten Geschäfts verriegelt, durch Spanplatten geschützt. SportScheck, gegenüber der Petrikirche, hat Bauzaun vor seine Schaufenster gestellt. Was das bringen soll, fragen wir uns. Im Zweifel birgt das mehr Gefahrenpotential als Schutz. Und so langsam stellt sich auch bei uns ein mulmiges Gefühl ein.

Zwei Tage vor dem Gipfel findet in der Innenstadt eine performative Kunstaktion gegen G20 statt. 1000 Lehm-verschmierte Gestalten laufen wie Zombies durch die Innenstadt. Sie sollen eine Gesellschaft darstellen, die den Glauben an die Solidarität verloren hat und in der Einzelne nur noch um das eigene Vorankommen kämpfen, steht auf ihrer Website. Die Aktion findet Anklang, viele Journalisten und Schaulustige sehen zu. Es ist ein gruseliges Bild und doch irgendwie beeindruckend.

1000 Gestalten in Hamburg #1000gestalten #g20 #hamburg

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Einen Tag vor dem Gipfel sind die Bahnen morgens leer. 1/3 aller Einwohner haben die Stadt bereits verlassen, heißt es. Wer kann, arbeitet von Zuhause aus. Wir sollen am Donnerstag noch normal im Büro arbeiten, für Freitag wurde Urlaub oder Homeoffice für alle angeordnet. Am Hauptbahnhof ist ein Bahnsteig komplett von der Polizei abgesperrt. In einigen Minuten soll der Sonderzug aus der Schweiz mit G20-Gegnern eintreffen. Man ist vorbereitet. Die Ankunft verläuft friedlich. Gegen Mittag bekommen wir eine Mail der Geschäftsleitung. Wessen Heimweg sich mit der Route der Welcome-to-hell-Demonstration schneidet, die am Donnerstagabend vom Fischmarkt aus startet und bis vor das Messegelände ziehen soll, wird ausdrücklich darum gebeten, das Bürogebäude schon um 15 Uhr zu verlassen, damit man heil nachhause kommt. Meine Kollegin und ich fahren zusammen über Altona nachhause, es ist ruhig.

Ich setze mich an den Laptop und will noch ein wenig arbeiten. Der Livestream zur Welcome-to-hell Demo startet. Der schwarze Block ist wie erwartet unter den Demonstranten. Die Demo wird nach wenigen hundert Metern gestoppt, es befinden sich vermummte Personen in der Menge. Sobald sie ihre Vermummung ablegen, kann es weitergehen, sagt die Polizei. Einige kommen der Bitte nach, doch die Mehrheit nicht. Es fliegen Steine, Flaschen und Rauchbomben. Die Polizei will den schwarzen Block mit Wasserwerfern und gezielten Eingriffen vom Rest der Menge trennen, es gelingt nur teilweise. Ich klappe den Laptop wieder zu, kann mich eh nicht konzentrieren. Zu spannend und gleichzeitig bedrückend sind die Geschehnisse am Hafen. Einzelne Gruppen des schwarzen Blocks ziehen weiter Richtung Schanze, fangen an, Gegenstände auf die Straßen zu ziehen und anzuzünden. Sie ziehen weiter. Als der Livestream gegen 23 Uhr abbricht, heißt es, sind sie an der Sternbrücke. Das ist nicht sehr weit weg von unserem Zuhause und bereitet ein ungutes Gefühl. Viel weiter scheinen sie aber nicht in unsere Richtung zu laufen, ein Glück.

Am ersten Tag des Gipfels wache ich morgens auf, schaue auf mein Smartphone. Gibt es wichtige Meldungen? Wie ging der gestrige Abend aus? Über uns steht ein Hubschrauber. Ich stehe auf, gehe ins Bad. Beim Zähneputzen öffne ich das Fenster zum Innenhof. Auf einmal sehe ich mehrere Gestalten geduckt durch den (eigentlich zugesperrten) Hof laufen. Sie tragen schwarze Kleidung und Sonnenbrillen, sind teilweise vermummt. Beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass eine der Personen einen Baseballschläger in der Hand hält. Sie laufen zu dem Durchgang unseres Nachbarhauses, der zur Straße führt. Einige Minuten später stehen sie unter einem Baum in unserer Straße, ziehen sich um. Sind nun nicht mehr schwarzgekleidet, sondern tragen bunte T-Shirts und keine Mützen mehr. Sie ziehen weiter.

Einige Zeit später zieht eine friedliche Demonstration an unserer Straße vorbei. Später sehe ich ein Video auf Facebook, das in unserer Nebenstraße aufgenommen wurde. Dort kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, als eben diese Demonstranten die Polizeiblockade durchbrechen wollten. Davon hatte ich nichts mitbekommen.

Auf Facebook, Twitter und diversen Nachrichtenseiten kursieren Videos einer Gruppe vermummter Linksradikaler, die durch Altona zieht und wahllos Fahrzeuge in Brand setzt, Scheiben einwirft und blind zerstört. Die Gewalt erschüttert, schockiert und lässt einen erstarren. Das hat nichts mit rechtmäßigen Demonstrationen zu tun. Das sind losgelöste Gruppen, die ohne jegliche Hemmungen nichts als Zerstörung im Sinn haben.

Am Nachmittag soll eine Demonstration in St. Pauli starten. Auch diese Demo wird schnell gestoppt, weil die Lage eskaliert. Wir schalten den Livestream an und sehen Bilder von gewalttätigen Demonstranten und Polizisten. Der Abend wird turbulent, gefährlich und zeigt erschreckende Ausmaße an Gewalt. Die Schanze brennt, überall werden Barrikaden errichtet, die mit Molotow-Cocktails entzündet werden. Pflastersteine und Verkehrsschilder werden aus dem Boden gerissen, auf Polizisten geschmissen. Scheiben und Autos werden demoliert, Baustellen komplett auseinander genommen. Auf einem Baugerüst werden Einzelteile aus Verankerungen gerissen und auf die Straße geworfen. Auf dem Dach des Gebäudes werden Gehwegplatten deponiert.

Die Polizei hat die Schanze mit Hundertschaften umstellt, geht aber nicht hinein. Budni und Rewe werden von Linksradikalen geplündert. Weitere Geschäfte folgen. Man hört Schreie, Explosionen von Böllern, Steine auf Steine schlagen und zwischendrin die Polizei, die darum bittet, das Gebiet zu räumen. Man sieht Feuer, Explosionen von Molotow-Cocktails, schwerbewaffnete Polizei und Schaulustige, die in kurzen Sommerkleidchen durch die Straßen laufen, die Hände schützend über dem Kopf. Der Livestream zeigt auf einem zweigeteilten Bildschirm rechts die Politiker beim Konzert in der Elbphilharmonie, links brennende Barrikaden und fliegende Steine in der Schanze. Es wird Beethovens 9te gespielt, man hört das Konzert. Surreal.

Die Situation in der Schanze beruhigt sich erst gegen 1 Uhr, als die Polizei langsam in das Gebiet vordringt. Auch das SEK ist schwerbewaffnet im Einsatz.

Der zweite Gipfeltag endet wie der erste: in der Schanze kommt es zu heftigen Ausschreitungen, es werden wieder Steine geworfen und Fahrzeuge in Brand gesetzt. Dieses Mal schreitet die Polizei eher ein als am Freitagabend und bringt die Situation etwas schneller unter Kontrolle.

Auf den Demos wurde oft gerufen „Ganz Hamburg hasst die Polizei“. Ich nicht. Und auch ich bin Hamburg. Ich bin dankbar für das, was die zehntausenden Einsatzkräfte in der letzten Woche für unsere Sicherheit getan haben. Und ja, es mag auch unter ihnen schwarze Schafe geben, die schneller zum Schlagstock greifen als es nötig gewesen wäre. Aber im Endeffekt sind es doch ganz andere, die unsere Sicherheit gefährden: Wütende, primitive Dummköpfe, die durch die Straßen laufen und Fahrzeuge von unbeteiligten Bürgern anzünden. Was ich in den letzten Tagen an Gewalt gesehen habe, ist mir in dieser wunderschönen Stadt so noch nicht untergekommen. Mit diesem Maß an Brutalität und purem Hass hätte ich niemals gerechnet. Die gewalttätigen Ausschreitungen haben nichts mit dem Recht auf Demonstration zu tun, sondern sind dämlich, sinnlos und treffen ausschließlich die falschen.

Highlights der kommenden Woche

Ruhe! Hoffentlich einfach ein bisschen Ruhe in Hamburg. Ansonsten stehen viele Termine bei der Arbeit an und natürlich das Ice Cream Festival von Ben & Jerry’s auf der Trabrennbahn Bahrenfeld am nächsten Mittwoch.

Highlights von wihel.de

Hier auf wihel.de hat man in der letzten Woche wenig von G20 mitbekommen – Profis ziehen eben wie gewohnt durch. Oder so. Die Highlights sind hier für einen ruhigen Abschluss der Woche noch mal zusammengefasst:

01. Der Kundendienst und die spontane Bewerbung über Facebook
02. Okta Logue – Diamonds and Despair
03. Wie die Stasi 1984 eine „konspirative Wohnungsdurchsuchung“ durchführte
04. Extrem lebensechte Puppen von Michael Zajkov
05. Gedanken-Tüdelüt (61): Euer Influencer-Gerede nervt mich!
06. Du bist ein Gewinn: Die Warenretter
07. Kinder, die zum ersten Mal Feuerwerk sehen
08. Win-Compilation im Juli 2017
09. VON EDEN – Goldene Zeiten
10. Line kocht Green Thai-Curry mit viel Gemüse und Champignons

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