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Gedanken-Tüdelüt (61): Euer Influencer-Gerede nervt mich!

Seit gefühlt ein bis zwei Wochen kocht das Thema Influencer mal wieder hoch – und natürlich hat es nicht lang gedauert, bis es mir gehörig auf die Nerven geht. Das ist in etwa genauso wie die Blog-Diskussion von vor ein paar Jahren und wie viel Einfluss sie haben. Oder anders ausgedrückt: es wird mal wieder aus einer Mücke ein Elefant gemacht – ein sehr hässlicher sogar.

Ich hab diese Woche ein kleines Interview gegeben, was sich um Influencer und Kooperationen dreht. Nichts für die große Allgemeinheit, aber es hat mal wieder gezeigt, dass ich gefühlt mit meinen Ansichten recht einsam dastehe – was sie aber dennoch nicht direkt falsch werden lässt.

Laut Wikipedia ist ein Influencer eine Person, die aufgrund ihrer starken Präsenz und hohen Ansehens in einem oder mehreren sozialen Netzwerken eines kommerzialisierten Internets für Werbung und Vermarktung in Frage kommt. Ist mir persönlich schon viel zu speziell, denn betrachtet man den Wortstamm, geht es einzig und allein um Einflussnahme.

Betrachtet man das nun wiederum sehr nüchtern, dann sind wir alle Influencer, vollkommen egal ob du deiner Oma gerade von einer neuen Fernsehsendung erzählst oder die Massen mobilisierst um von Österreich nach Deutschland einzumarschieren. Sobald eine Empfehlung mit entsprechender Wirkung gegeben wird, ist man Influencer. Punkt. Aus.

Wie das aber so ist: Einfluss und Reichweite kann man zu Geld machen und das machen nicht gerade Wenige. Wir ja hier auch, von irgendwas will der Server, der Zeitaufwand und die kleinen Gadgets, die ich haben will, bezahlt werden. Mittlerweile ist das alles auch gar nicht mehr so schlimm – Hauptsache man kann die Werbung erkennen.

Und genau da liegt der Knackpunkt: fehlende Kennzeichnung. Aber auch das ist kein Thema, dass neu aufgekommen ist, seitdem alle Instagram-Blogger sind und auch kein alleiniges Problem von Instagrammern selbst.

Umso unverständlicher finde ich, wie mittlerweile auf dem Thema rumgehackt wird. Nicht, dass es dieses Gehacke nicht brauchen würde, aber mir geht das alles in eine viel zu eindimensionale Richtung. Da wird sich am Ende hämisch gefreut, dass so eine Knalltüte wie Flying Uwe endlich mit einer saftigen Strafe belegt wurde und auch die neuen Werkzeuge von Instagram und Facebook zur Kennzeichnung von Werbung werden mehr gefeiert als Erfolge gegen die weltweite Hungersnot (die es augenscheinlich nicht wirklich gibt, ich weiß).

Als ob Häme und Schadenfreude auch nur irgendwas an der Situation ändern würde – viel mehr noch treibt es die Gräben nur noch tiefer, als sie eh schon sind. Natürlich fehlen klare Richtlinien, natürlich hat es auch einen sehr faden Beigeschmack, dass bei Verwendung des Branded Content Tools bei Facebook die Reichweite wie von Zauberhand auf ein Minimum zusammenschrumpft – aber können wir, die wir mittlerweile erkannt haben, dass eine Kennzeichnungspflicht gar nicht mal so verkehrt ist, einfach mal von unserem hohen Ross herunterkommen? Auch wenn es einigen nicht gefällt: wir sitzen alle im selben Boot und wenn wir nicht ein bisschen klüger wären als der Rest – würden wir es nicht genauso machen? Entweder weil wir es nicht besser wissen oder weil es uns egal ist.

Vielleicht nicht, aber werfe doch der den ersten Stein, der wirklich frei von Schuld ist.

Ich möchte hier einfach an das Prinzip glauben, dass sich auch in anderen Bereichen hoffentlich durchsetzen wird: Leistung zahlt sich irgendwann einfach aus.

Wenn da also nun eines dieser Sternchen ist – egal ob Youtube, Facebook, Twitter oder eben Instagram – dass über Nacht plötzlich 102381923130912 Follower hinzugewonnen hat -> who cares? Wer glaubt denn wirklich, dass irgendwelche Bot-Accounts und Fakeprofile aus Sri Lanka in irgendeiner Weise konvertieren? Klar, die ersten Kooperationen trudeln da ein, aber über Nachhaltigkeit oder Folgeaufträge braucht doch keiner nur ansatzweise nachdenken.

Gleichzeitig muss man auch sagen: wenn Firmen auch heute noch nur auf die blanke Follower-Zahl schauen – haben sie es dann nicht auch verdient? Es ist doch einfach nur logisch, genau zu prüfen, mit wem man in die Kiste springt, was das für eine Person ist, welches Image die Person hat und ob da wenigstens ein bisschen was von Authentizität vorhanden ist.

Wer sich diese Zeit nicht nimmt, der kann von mir aus auch gleich die Geldscheine brennend aus dem Fenster werfen. Kommt am Ende aufs Gleiche raus, außer dass der Influencer-Arsch nicht gepudert ist.

Womit wir auch schon beim nächsten Thema wären, dass ich nur kurz anreiße: in was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn man Menschen Summen ab 5.000€ aufwärts dafür bezahlt, dass sie ein Bild posten? Klar, sicher steckt da auch sowas wie Arbeit drin, Location-Auswahl, Motiv-Auswahl, Nachbearbeitung bla bla bla – aber von richtiger Arbeit kann doch da keiner sprechen. Das ist doch lächerlich und steht in keinem Verhältnis von Angebot und Nachfrage noch in irgendeiner Form hat das mit dem Leistungsprinzip zu tun.

Auch hier kann ich nur sagen: der Markt regelt sich selbst. Solange jemand bereit ist, für sowas Unsummen an Geld rauszuhauen – soll er machen. Das funktioniert übrigens auch in die andere Richtung: wer ein Advertorial für 20€ platziert, dass zu 72% aus dofollow-Links besteht, muss sich nicht wundern, dass es einfach nicht aufwärtsgeht.

Und wenn eine Caro Daur zum einen in einem Interview mit dem manager magazin ein bisschen weint, wie stressig das doch alles ist, gleichzeitig aber auch von ihrer kleinen Zuckerwelt schwärmt, auf der anderen Seite aber die entscheidenden Fragen unkommentiert lässt, dann ist das ihr gutes Recht. Ich erzähl ja auch niemandem, was mir mein Arbeitgeber jeden Monat überweist und auch mit den Advertorial-Preisen geh ich nicht gerade hausieren.

Wie man das dann interpretieren kann und ob man als potentieller Partner tatsächlich noch mit so jemandem zusammenarbeiten will oder kann – das steht auf einem anderen Blatt und muss jeder für sich selbst entscheiden. Mir wär das nix, zumal es im Endeffekt auch etwas über den Partner selbst aussagt.

Aber bitte bitte bitte lasst doch diese Häme, diese Schadenfreude und dieses Rumgefeiere, dass es den „Influencern“ endlich an den Kragen geht. Lasst die Leute doch einfach ihren Mist machen und seht zu, dass ihr es besser macht. Differenzierung und ein gesundes Maß haben noch niemandem geschadet.

Kürzlich

Sag was dazu!

  1. So gut es auch ist, dass das Thema nun zumindest etwas öffentlichkeitswirksamer und reflektierter angegangen wird, geistern leider noch immer ungemein viele Halbwahrheiten und Missverständnisse umher. Das zeigt sich alleine, dass du angibst, recht alleine mit deiner eigentlich vernünftigen Meinung zu stehen. :/ Jetzt befinden wir uns gerade in einer Bashing-Phase, was genauso unnütz und aufgeblasen ist, wie die frühere Huldigungs-Phase.

    Bin übrigens komplett bei dir, was den Begriff angeht. Jeder ist Influencer – manche halt für die Massen, andere für die kleinen Geschwister. Am Ende lasse ich den Begriff in der Mediawelt eigentlich nur gelten, wenn die Leute bereits eine Art Promi-Status (zumindest in ihrer Blase) erhalten haben. Mit Abstrichen vielleicht, wenn sie wirklich als Person etwas leisten und eine gewisse Fanschaft aufgebaut haben. Aber du und ich – wir sind keine. Und das ist vielleicht auch gar nicht schlecht so.

    • Martin

      Es ist wirklich ein Für und Wider und hab ich ja auch versucht, ein bisschen herauszuarbeiten (aber das Ding heißt ja nicht umsonst „Tüdelüt“ – das muss verworren sein ;)) – Diskussion gut, aber eben nicht wie sie aktuell geführt wird. Es mangelt einfach extrem an Sachlichkeit und irgendwie denk ich mir mittlerweile nur: lass die Deppen doch machen – wer nicht hört, kassiert eben (hoffentlich) ’ne Abmahnung.

      Ich befürchte, wir sind auch Influencer – zumindest du bei mir und ich vermute, ich auch ein bisschen bei dir ;)

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