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Gedankentüdelüt (100): Influencer-Abmahnung - Es ist nicht nur schwarz oder weiß | Was is hier eigentlich los

Gedankentüdelüt (100): Influencer-Abmahnung - Es ist nicht nur schwarz oder weiß

Gedankentüdelüt (100): Influencer-Abmahnung - Es ist nicht nur schwarz oder weiß | Kolumne | Was is hier eigentlich los? | wihel.de

Schon vor ein paar Wochen hab ich irgendwo aufgeschnappt, dass eine Influencerin (bescheuertes Wort, wir sind alle Influencer, wenn es darum geht, Leute zu beeinflussen) Instagram-Nutzerin von irgendeinem dubiosen Verband abgemahnt wurde. Grund dafür: das Vertaggen von Firmen auf irgendwelchen Bildern, ohne diese als Werbung zu kennzeichnen.

Vor ein paar Tagen nun hat das Landgericht Berlin entschieden – pro Verband und gegen die Nutzerin. Der Aufschrei war entsprechend groß, denn wo kommen wir denn dahin, wenn man nicht mal mehr privat vertaggen darf – gerade wenn man dafür nicht bezahlt wurde? Die Sau wird naturgemäß durchs Dorf getrieben und es verwundert nicht, wie schnell doch die einhellige Meinung Nachplapperer findet. Alte Menschen machen unser Internet kaputt und wir können nichts dagegen tun.

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Der letzte Satz mag stimmen, aber nicht in diesem Fall (dafür in Sachen Artikel 13 – komisch, dass hier der Aufschrei kaum bis gar nicht wahrnehmbar stattfand, immerhin geht es hier um nichts anderes als Zensur).

Im Gegensatz zur breiten Masse finde ich allerdings nicht, dass das Landgericht Berlin hier komplett falsch entschieden hat und das aus relativ einfachen Gründen:

1. Wer sich auf Instagram Influencer schimpft, verdient damit Geld – mit etwas Glück sogar den gesamten Lebensunterhalt. Insofern kann hier von einer privaten Nutzung nicht mehr ausgegangen werden, sämtliche Handlungen mit dem Account stehen zwangsweise in einem beruflichen Kontext – entsprechend gelten auch andere Spielregeln als bei Tante Erna, die hobbyweise ihre Häkelbilder postet.

2. Selbst wenn für das Vertaggen kein Geld geflossen ist, ist die reine Markennennung Werbung. Dazu muss man sich nur mal anschauen, wie die Spielregeln im öffentlich-rechtlichen Raum gehandhabt wird und wie schnell hier der Verdacht der Schleichwerbung aufkommt. Monotone Markennennung ist mit Werbung gleichzusetzen.

3. Gleichermaßen kann das Vertaggen auch als berufliche Anbahnung verstanden werden. Sie spricht selbst von Vernetzung, manch anderer würde es schlichtweg Akquise nennen.

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Und das sind nur drei Punkte, die mir spontan dazu eingefallen sind. Was mir aber noch deutlicher gegen den Strich geht als die allgemeine Verteufelung der Justiz (die sich letztendlich auch erstmal nur an antiquierte Gesetze halten muss), ist die Tatsache der komplett überzogenen und vollkommen sinnfreien Reaktionen im Netz. Da wird nun unter lautem Mimimimi pseudo-protestierend einfach jeder Beitrag als Werbung gekennzeichnet – vollkommen egal, ob eine Markennennung oder irgendwer vertaggt wurde. Hauptsache, man kann es denen oben noch mal so richtig zeigen (mindestens, dass man nichts verstanden hat).

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Bei Weitem will ich die Justiz in Schutz nehmen – aber mindestens genauso wenig kann es richtig sein, mal wieder mit dem Zeigefinger auf die bösen, bösen Menschen zu zeigen, die das Netz nicht verstanden haben. Sicher, davon gibt es viel zu viele und leider in zu gefährlichen Positionen. Statt aber sofort jedem potentiellen Skandal direkt hinterher zu hecheln, kann es nicht schaden, ein oder zwei Minuten länger nachzudenken. Denn die Zeiten von Schwarz und Weiß sind schon lange vorbei (auch wenn manch einer wünscht, sie mögen wiederkommen). Und danach widmen wir uns am besten den wirklich wichtigen Themen – Artikel 13 ist wesentlich schlimmer.

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Über Martin

Technikbegeistert und immer auf der Suche nach spannenden, beeindruckenden und/oder lustigen Themen schreibt Martin neben seinem Hauptberuf täglich mehrere Artikel für wihel.de. Oder wie er es beschreibt: Andere teilen ihre Internetperlen lediglich mit ihren Freunden, wir teilen Sie mit allen, die es interessiert. Alle Beiträge von Martin ansehen.

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